Alle zwei Jahre bekommen 30 Lehrkräfte aus ganz Deutschland die Chance über die Fulbright-Kommission in die USA zu reisen und über eine Universität verschiedene Seminare, Workshops und vor allem Unterricht in den Vereinigten Staaten zu besuchen. Nach der Studienfahrt in London ging es für mich also mit einem Stopp aus Frankfurt weiter über den großen Teich nach Columbus, die Hauptstadt des Bundesstaats Ohio. Mit dem Transfer hatte ich kein Glück und kam fünf Stunden später an als geplant.
Ohio liegt im mittleren Westen, an der Grenze zu Kanada. Manche mögen behaupten, es sei einer der langweiligeren Staaten – das kann ich überhaupt nicht bestätigen! Die OSU (Ohio State University) hat fast 70.000 Studierende, das sind knapp mehr als die gesamte Stadt Celle. Der aktuelle Vizepräsident JD Vance hat hier seinen Abschluss gemacht und es ist der „Birthplace of Aviation“ – in Dayton wurde das erste Flugzeug gebaut. Außerdem wurde Neil Armstrong in Ohio geboren! Landschaftlich erinnert Ohio aber schon an Deutschland – außerhalb der Städte gab es viele Felder und teilweise weit und breit keine Häuser.
Neben den genannten Pflichtveranstaltungen hatte ich die Möglichkeit ein Eishockeyspiel der Columbus Blue Jackets und Collegefußball zu erleben. Am freien Sonntag ging es nach Cincinnati. Ein Besuch im „Ohio Shoe“, dem Footballstadion der Uni, durfte neben der Besichtigung des State Houses (schließlich ist es eine Hauptstadt!) nicht fehlen. Begrüßt von einem der Senatoren wurde unter anderem über den aktuellen Präsidenten Donald Trump gesprochen, wie die Midterms (die sog. Zwischenwahlen in den USA) Anfang November wohl ausgehen und inwiefern die Politik Washingtons Einfluss auf die einzelnen Bundesstaaten hat (gar nicht so viel).
Es fühlte sich oft wie eine Klassenfahrt an. Die Fulbrighter haben sich sehr gut um uns Lehrkräfte gekümmert. Am Samstag waren wir alle bei einer Gastfamilie. Ich war mit meiner Shoppen, in der Mall Trampolinspringen und auf einem Farmer’s Market. Mit den Kindern habe ich mich super verstanden, eine lernt gerade auch fleißig Deutsch. Die amerikanischen Floskeln, die man an so einem Tag braucht, reichen von „How’s it going?“ über „Have a good one!“ bis hin zu: „You’re good.“ (wenn man eigentlich jemanden den Weg abgeschnitten hat).
Im Austausch sowohl mit den deutschen als auch amerikanischen Lehrkräften habe ich viel über meine Lehrerinnenpersönlichkeit reflektieren können, neue Anreize gewonnen und auch gemerkt, was ich schon zufriedenstellend kann. Besonders spannend ist, dass es durch das Kurssystem in den USA für die Schülis keine Klassenlehrkraft gibt – bei uns undenkbar! An einer Schule wurden alle Mitglieder der Schule (auch die Schulleiterin) in verschiedene Häuser eingeteilt und haben Punkte gesammelt… das klang sehr nach Harry Potter. In einem Literaturkurs habe ich außerdem beobachtet, wie die Seniors (also Zwölftklässler) ganz ohne den Lehrer ihre Charakterisierungen verglichen haben. Von künstlicher Intelligenz war nicht viel zu merken. „That won’t get me very far“, berichtete ein Senior-Schwimmer, der bald an der NYU studieren wird.
Artificial Intelligence bzw. Künstliche Intelligenz war auch der Titel eines Workshops, in welchem wir erarbeitet haben, was Critical AI Literacy in diesem Zusammenhang bedeutet und wie wir als Lehrpersonen den Schülis viel ermöglichen können, ohne ihnen das eigenständige Denken vollständig abzunehmen… Außerdem habe ich noch ein paar neue Tools kennengelernt, die ich gerne ausprobieren möchte. Spannend war auch ein Austausch mit einer Rapperin/Professorin/Alleskönnerin, die dafür plädiert hat, mehr Hiphop in den Unterricht zu integrieren.
Es waren zwei sehr ereignisreiche und lehrreiche Wochen für mich! Auch wenn ich keine Ferien im klassischen Sinne hatte, freue ich mich, dass ich diese Möglichkeit bekommen habe und nun Teil des Fulbright-Netzwerks bin.
Fun Fact: Ab Mai 2027 gibt es nun einen Direktflug nach Columbus aus Frankfurt! Vielleicht findet mein Koffer dann direkt den Weg nach Hause… 🙂
Text und Fotos: Annabel Beck

