„Vor 35 Jahren hätte man mir Förderbedarf attestiert …

…, wenn es so etwas gegeben hätte, und als das Hölty damals erfuhr, dass ich nach der 10. Klasse die Schule verlasse, waren alle froh, da bin ich sicher.“*

Dieser erste Satz eines inzwischen hochdotierten Managers auf der vierten „Hölty – Talks – Careers“-Veranstaltung am Samstagmorgen Mitte Februar dürfte den Verstand und das Herz der vereinzelt noch verschlafenen Oberstufenschülerinnen und -schüler im Nu angeknipst haben. Denn jetzt wurde deutlich: Dies ist eine Veranstaltung der anderen Art, keine langweilige, detaillierte Schilderung von Bewerbungsstrategien und Studienverläufen. Hier ging es um mehr, um das Besondere zwischen den Welten, um Intuition, um Inspiration, um Motivation – mit sämtlichen menschlichen Komponenten.

Und wie ging es weiter mit dem „gescheiterten“ jungen Mann?

„Weil ich glaubte, dass es einfacher sei, bin ich zum TG gegangen, und dort merkte ich, dass ich der geborene Techniker war. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Wenn ein starkes Interesse da ist, dann ist man auch erfolgreich, und dann fängt alles an, Spaß zu machen. Und dann wurde ausgerechnet ich fleißig und richtig gut, schloss als Jahrgangsbester ab. Dieses Muster zog sich durch mein ganzes Leben. Ich suchte mir Aufgaben und Orte, die mir Spaß machten, war sehr motiviert, fleißig zu sein und später hatte ich plötzlich meine eigene Abteilung. Nach einigen Stationen musste ich mich nicht mehr auf höhere Stellen bewerben, sondern wurde von Head-Huntern gefragt.“

Dies ist nur eine (sehr verkürzte) Darstellung der 27 vortragenden Ehemaligen, die in drei Slots parallel aus folgenden Bereichen vor den Oberstufenschülerinnen und -schülern referierten : Sozialpädagoginnen, Mechatroniker im Management, Ingenieure, Moderatorin beim Radio, Tierärzte, Medizinstudent, Kommunikationsmanager, Polizistin, IT-Programmiererin, Humanmedizinerin, Pressesprecherin, Jurist, Functional Engineer, Manager DB Cargo, Sportwissenschaftlerin, Social Media Management, Produktmanagerin Kinderbuch, Geschäftsführung Airport Hannover, Business Administration, Hebamme und Zimmerin in einer Person, Elektroingenieur und Sozialpädagoge.

Zu ihnen gehört noch folgendes Sammelsurium an Erfahrungen und Tipps:

„Für mich kam nur ein breit gefächertes Studium in Frage. Das hat mir später sehr geholfen.“

„Sofern ihr nicht zu den Superkarrieristen gehören wollt, verzichtet ruhig auf spektakuläre Städte und berühmte Unis. Eine mittelgroße Stadt und Universität kann glücklicher machen, weil man oft mehr soziale Kontakte knüpfen kann. In sehr großen Umfeldern kann man sich leicht verlieren.“

„Für das Erstsemester empfehle ich das „allgemeine Studieren“, weil es gute Orientierungsmöglichkeiten bietet.“

„An der FH hat mich der hohe Praxisbezug gereizt.“

„Das Studium und der berufliche Alltag später sind zwei völlig verschiedene Dinge.“

„Mir ging es darum, da zu studieren, wo es keinen NC gab.“

„Das duale Studium ist eine tolle Sache, um sich einen Vorsprung zu erarbeiten, weil man in den Beruf gute praktische Erfahrungen mitbringt.“

„Ich konnte es mir nicht erlauben, auch nur einen Tag Vorlesungen zu versäumen (Medizin).“

„Probiert Dinge aus, Fleiß ist aber auch sehr wichtig. Wenn man Spaß an der Sache hat, dann setzt man sich automatisch gern hin, um zu lernen.“

„Ich hatte großes Glück, zufällig hat gerade alles zusammengepasst, und ich konnte meine Traumstelle besetzen.“

„Schaut auf eure Talente und stellt Fragen, egal wo und an wen.“

„Studiert nicht Tiermedizin, wenn ihr typische „Katzenstreichler“ seid und Tiere einfach nur niedlich findet. Es ist nichts niedlich daran, wenn man ein abgetrenntes Hundebein vor sich hat, das man sezieren soll.“

„Ich habe immer zu meinen Eltern gesagt: ‚Lasst mich arbeiten‘, aber sie wollten, dass ich weiter zur Schule gehe. So habe ich mit Ach und Krach mein Fachabi gemacht. In der Ausbildung hatte ich das erste Mal Spaß an der Arbeit, obwohl ich einen sehr strengen Chef hatte und ich um 4 Uhr aufstehen musste. Aber ich war zum ersten Mal richtig gut, weil es mir Freude gemacht hat, zu arbeiten.“

„Ich habe mich auf die Stelle meines ehemaligen Chefs beworben, wofür man normalerweise immer einen Master oder einen Doktor haben musste. Wegen meiner Hingabe und meines Fleißes reichte dann auch mein Meister.“

„Ich lerne gerne neue Sachen, bin ein unruhiger Geist und schaue mich gern nochmal nach einem Neustart um.“

„Es läuft nicht immer alles nach Plan. Wichtig ist, dass man Ruhe bewahrt.“

„Nehmt alle Anregungen mit, die sich euch bieten. Auch Auslandsaufenthalte können sehr inspirierend sein.“

„Jobben ist ein großer Erfahrungspool. Manche entdecken sogar Interessen, auf die sie nie gekommen wären und biegen in eine völlig andere Richtung ab.“

„Eigentlich war es nicht das, was ich wollte, und ich musste eine Entscheidung treffen. Der Zufall hat mich dann gerettet.“

„Ich prüfe regelmäßig die Pro- und Contra-Seite meines Jobs. Und wenn es nicht mehr passt, schaue ich mich nach etwas Neuem um.“

„Es geht nicht nur um fachliche Fähigkeiten. Fachliches kann man lernen, Persönliches muss man mitbringen oder viel mühsamer erlernen.“

„Wenn man richtig Karriere machen will, muss man örtlich sehr flexibel sein.“

„Man muss zeigen, dass man richtig Bock hat, etwas zu reißen, dann sind Zensuren nebensächlich.“

„Später konnte ich meinen Job und den Standort meinen privaten Interessen anpassen.“

„Man kann entweder super intelligent sein oder sehr fleißig und flexibel sein. Ich war Letzeres.“

„Ich habe damals keinen Job bekommen und wusste, dass ich aus der Masse herausstechen musste. Also bin ich trotz meiner 5 in Englisch für ein Jahr ins College nach Irland gegangen und hatte eine geile Zeit, das war wie ein Jahr Klassenfahrt. Danach hatte ich auf 10 Bewerbungen 10 Zusagen, weil ich Motivation bewiesen habe.“

„Wichtig ist, authentisch hinter dem zu stehen, was man macht.“

„Wenn man in die hohen Positionen kommt, arbeitet man nicht mehr fachlich, sondern nur noch an Strategien und an Problemen, mit denen die Mitarbeitenden kommen.“

„Nachdem ich meinen Meisterbrief besaß, hatte ich nach vier Tagen einen Job und war plötzlich der Chef meiner ehemaligen Kollegen. Das machte Freude, war aber auch sehr herausfordernd.“

„Wenn ihr euch bewerbt, überlegt euch eine gute Story, wenn in eurem Lebenslauf ein Jahr Pause zu finden ist. Sagt denen auf keinen Fall, dass ihr ein Jahr chillen wolltet, dann seid ihr raus.“

Fazit: Wenn man nicht gerade Ärztin werden will und etwas gefunden hat, was einen wirklich interessiert und motiviert, viel Energie und Kraft dafür einzusetzen, dann finden sich gute Wege für ein erfülltes Berufsleben, dazu ein Quentchen Glück und ein gutes Gespür für angemessene Umgangsformen. Die Arbeitgeberinnen und -geber von heute wollen Menschen, die über den Tellerrand schauen können und keine seelenlosen Pflichterfüller. Es gibt sogar Firmen, die bewusst Leute mit quirligen Lebensläufen einstellen, weil sie mit „besonderen“ Leuten sehr gute Erfahrungen gemacht haben. So gibt es für diejenigen, die sich bemühen, einen passenden Platz in der Berufswelt.

Letztlich ist ein Berufs- und Lebensweg eine spannende Reise, die eher selten am Schreibtisch geplant wird und immer geradeaus führt, ein Abenteuer, das Menschen jeden Alters immer wieder vor Weggabelungen führt und mühsam erstellte Planungen gelegentlich auf den Kopf stellt, weil sich plötzlich ungeahnte Möglichkeiten bieten. Und niemals sollte man die Energie eines Menschen unterschätzen, der wild entschlossen ist.

Ein großer Dank gilt den Vortragenden für die spannenden Berufsreisen und persönlichen Geschichten, wie auch unserer Fachschaft Politik/Wirtschaft unter der engagierten Leitung unserer Kollegin Annabel Beck für eine großartig geplante,  muntere und inspirierende Veranstaltung.

* Der Vortragende stellte jedoch auch sehr schnell klar, dass das Hölty damals ein ganz anderes war, eine Schule nach alten Mustern, in der die Jüngsten knapp 40 Lenze zählten.

Text und Fotos: Christin Benedict