Zum zweiten Mal haben Schülerinnen und Schüler des Hölty-Gymnasiums maßgeblich an der Gestaltung des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus in der Celler Synagoge mitgewirkt.
Am 27. Januar wird traditionell an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht, das stellvertretend für all das Leid und die Verbrechen des Dritten Reiches steht. Neben anderen marginalisierten und verfolgten Gruppen, wie etwa Sinti und Roma, Homosexuellen oder politischen Gegnern, wurden vor allem jüdische Menschen systematisch verfolgt, inhaftiert und getötet. Über 6.000.000 Jüdinnen und Juden starben in dieser Zeit – eine kaum vorstellbare Zahl. Diejenigen, die überlebt haben, sind oftmals durch die Hölle auf Erden gegangen. Viele konnten über Jahrzehnte nicht von diesen traumatischen Erlebnissen sprechen.
In diesem Jahr lasen Elisabeth Bickmeyer, Moritz Doll, Ida Rollert und Jodie Seifert Textpassagen aus dem autobiografischen Roman ‚Meine Hundert Kinder – ein polnischer Exodus‘ von Lena Küchler-Silbermann. Sie beschreibt das Leben der polnischen Jüdinnen und Juden nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und verleiht ihnen und ihrer Geschichte damit wieder eine Stimme: Das Suchen nach einem sicheren Platz, an dem man eine Zukunft aufbauen kann; das Verarbeiten der zahllosen körperlichen und seelischen Wunden, die die Zeit den Menschen geschlagen hat; die schwelenden Konflikte mit einer immer noch antisemitischen Umwelt. Und vor allem anderen: Die Geschichten der überlebenden Kinder – fast alle tragisch, kaum eine hoffnungsvoll. Da geht es etwa um das Schicksal von Esther, die unter grausamen Umständen miterleben musste, wie ihr Bruder getötet wurde und die tagelang in den Armen ihrer toten Mutter liegen blieb, bis man sie dort fand. Es geht um Stephan, der mit vierzehn Jahren bereits mit den Partisanen gegen die Deutschen gekämpft hat und dabei viel zu früh erwachsen geworden ist. Und es geht um den kleinen Milek, der auf der Welt nichts mehr hat, als eine alte Frau, die als Amme für ihn sorgt, sich das aber nicht mehr leisten kann und befürchtet, sich von ihm trennen zu müssen. Bei der Lesung gelang es den Schülerinnen und Schülern, genau diese Geschichten mit dem richtigen Maß an Emotion, Empathie und Ernst vorzutragen. Begleitet wurden die Lesungen von sehr stimmungsvollen musikalischen Beiträgen der Kantorin Aviv Weinberg. Für Lena Küchler-Silbermann wurde es nach dem Krieg zur Aufgabe, sich um die Waisenkinder zu kümmern und ihnen als ‚Mutter‘ eine Perspektive für die Zukunft zu ermöglichen. Der Weg führte schließlich in den noch jungen Staat Israel. Auf diesen richteten sich auch die abschließenden Worte von Doris Schleinitz, der ersten Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Celle, die den Wunsch aussprach, dass in Israel und der ganzen Region endlich eine Zeit des Friedens anbrechen möge. Diesem Wunsch konnten sich alle 60 Gäste anschließen.
Text und Fotos: Dr. Johannes Thiele

